Interview mit Christopher Dels: Das perfekte Rennen auf Hawaii

Interview mit Christopher Dels: Das perfekte Rennen auf Hawaii

Interview mit Christopher Dels: Das perfekte Rennen auf Hawaii

Stellen Sie sich vor, Sie gewinnen ein Rennen und bekommen erst Wochen später die Mitteilung, dass sie siegreich waren. Eine merkwürdige Situation, mit der in diesem Jahr Christopher Dels konfrontiert war. Dabei ging es nicht um irgendein Rennen. Nein, es ging sogar um einen Titelgewinn. Nicht irgendwo. Nein, bei dem Rennen, der Ironman Weltmeisterschaft auf Hawaii. Doch von vorne:

Christopher Dels  ist Lehrer an der Berufsfachschule Vierzehnheiligen in Bamberg. Schule und Sport zu vereinbaren, ist für den 35-jährigen eine Lebenseinstellung. Er ist ehrgeizig. Akribisch bereitete er sein größtes sportliches Projekt 2019 vor: Beim Ironman Hawaii sollte es für eine Podiumsplatzierung reichen.

Qualifiziert hatte er sich im Frühjahr beim Ironman Texas – nicht ohne Hindernisse. Vor dem Rennen zog er sich einen Magen-Darm-Infekt zu und ging alles andere als zuversichtlich an den Start. Ein Ausrutscher samt harter Landung in der ersten Wechselzone, versagende Bremsen auf der Radstrecke und schwere Abschnitte stellten sich ihm in den Weg, bevor er sich nicht nur über die Quali, sondern auch über die schnellste Age-Grouper Zeit freuen konnte. In der Folge machte sich eine Verletzung bemerkbar, die den Athleten des Vereins Böhnlein Sports Bamberg lange vom Lauftraining abhielt. Das "Projekt Podium" verlor er jedoch nie aus den Augen.

Anfang Oktober flog er nach Hawaii. Was dort passierte, erzählt Christopher Dels uns im Interview.

Hallo Christopher,

nimm uns doch einmal mit zurück in die Minute vor dem Start des Ironman Hawaii. Wie fühlt es sich an, wenn man mit so großen Ambitionen in das WM-Rennen geht?

Christopher Dels auf der Laufstrecke (c)privat

Christopher Dels auf der Laufstrecke (c) privat

Ich habe mir den Druck eine guten Platzierung erreichen zu wollen ja selbst gemacht. Zwei Jahre zuvor hatte ich meinen Mund mit der Ankündigung eines Podiumsplatzes voll genommen. In der Folge hatte ich auch kein Geheimnis aus meinem Ziel gemacht. Diesen Druck, der dadurch entsteht, sehe ich eher als positiv. Er spornt mich an und macht mich leistungsfähiger. Aber wahrscheinlich nur weil ich dann Morgens vor dem Start wusste, dass ich sowohl physisch als auch mental durch alle Pannen, die ich zuvor hatte, für jede Situation super vorbereitet war. Was aber nicht heißt, dass ich nicht nervös war. Beispielsweise habe ich mir am Abend zuvor meine Haare schneiden lassen. Der „Friseur“ hatte mich aber falsch verstanden und bevor ich sehen konnte, was er anstellt, hatte ich keine Haare mehr auf dem Kopf. Das hat mich dann nochmal brutal verunsichert, weil ich befürchtete, dass es meine Laufperformance hemmen könnte, wenn die Sonne auf meine weiße Schädeldecke trifft. Zum Glück hatte ich noch einen kleinen Fleck Haare an meinem Hinterkopf, der ein bisschen Schutz bot. Als ich dann morgens noch eine isolierende Kappe in meinen Wechselbeutel stecken durfte, konnte nichts mehr schief gehen und ich genoss die Mischung aus Aufregung, Druck und Vorfreude richtig.

Die harten Fakten Deines Rennens: Platz 35 im Gesamtfeld  (Ergebnis nach dem Zieldurchlauf), in 8:44:12 Stunden. Damit konntest Du Zweiter in Deiner AK werden und warst der zweitschnellste Altersklassensportler im Feld. 59:08 Minuten warst Du im Wasser, 4:40:50 Stunden auf dem Rad und 2:56:55 Stunden auf der Laufstrecke.
Wann war Dir klar, dass Du Dein selbstgestecktes Ziel erreichen würdest?

Das Ziel eines Podiumsplatzes war eigentlich nur die Verpackung für mein persönliches Ziel, ein perfektes Rennen abzuliefern. Ohne Pannen und bei dem ich in jeder Disziplin meine bestmögliche Leistung  abliefern und so an meine Grenzen gehen kann. Es gibt tatsächlich genau einen Moment im Rennen, wo es mir klar wurde, dass alles läuft… beim Verlassen des Dixie Klos bei Kilometer 13 auf der Laufstrecke. Ich hab mich danach im wahrsten Sinne des Wortes federleicht gefühlt. Ab dann hatte ich bis durch das Zieltor und drüber hinaus ein Lachen im Gesicht, ein Runner’s High, wie es schöner nicht sein konnte. Ich wurde einfach nicht müde. Als ich aus dem Energy Lab für die letzten zehn Kilometer zurück auf den Highway bog und ich niemanden mehr vor mir sah, war ich schon fast traurig, dass es bald zu Ende sein würde, so viel Spaß hat es gemacht.

Wie fühltest Du Dich nach dem Rennen und wann wurdest Du darauf aufmerksam, dass Du möglicherweise um Deine Weltmeistertitel betrogen wurdest?

Ich war natürlich überglücklich. Aber auch ein bisschen verunsichert, weil es mir so gut ging. Ich habe mich gefragt ob ich denn alles gegeben habe.
Mein Coach kannte Marques noch aus seiner aktiven Zeit als Profi. Er hat mir schon während des Rennens mitgeteilt, dass ich den Ersten nicht mehr holen kann und dass ich mir aber keinen Kopf machen soll, da er ein Ex Profi sei. Ich hatte ihn auch bei der Siegerehrung angesprochen und er meinte , dass er das letzte Mal 2012 als Profi gestartet sei. Damit war für mich der Käse gegessen. Ich war erstmalig super zufrieden mit meinem Rennen und überglücklich, mein Ziel eines perfekten Rennes erreicht zu haben. Daran hätte ein 7. Platz auch nichts geändert. Deswegen war es mir relativ egal, als andere behaupteten, ich sei um den ersten Platz betrogen worden.

Gab es eine Nach-Feier, oder feiert man den Sieg dann für sich im Stillen?

Christopher Dels auf der Siegerehrung mit Jan Frodeno (c)privat

Christopher Dels auf der Siegerehrung mit Jan Frodeno (c) privat

Und wie es die gab. Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Kind von Traurigkeit bin, wenn es Möglichkeiten zum Feiern gibt. Ich war gerade auf der Triathlon C-Trainer Ausbildung in Garmisch, als der Anruf von Andrew Messick, dem CEO von Ironman kam. Durch Fabian und Philipp, die dort auch Teilnehmer waren, hatte ich beste Gesellschaft. Wir haben direkt im Hostel die erste Flasche geköpft (danke Philip) und den Halloween Abend bis in die frühen Morgenstunden des Prüfungstages genossen und dann sogar die Prüfung unter erschwerten Bedingungen bestanden. Nach einer nachträglichen und überwältigenden Siegerehrung durch Pushing Limits und die Triathlon Crew Cologne bei der Kinotour durch Deutschland in München, bei der ich Standing-Ovations erhalten habe, war mir dann klar,  dass es nicht hätte schöner sein können. Ich war froh, dass es so gekommen ist.

Hat sich für dich der Begriff der sportlichen Fairness im Verlauf der Diskussion verändert?

Nein absolut nicht. Marques hat ein Wahnsinns-Rennen mit einer unglaublichen Zeit abgeliefert, ob Profi oder Amateur. Da ich nicht genau weiß, wie ihm das passieren konnte. Nachdem er neuen Jahre lang Profi war, und die Regel mit Sicherheit kennt, kann ich darüber auch nicht wirklich urteilen. Er hat sich im Nachhinein nochmals bei mir gemeldet und versucht die Situation aufzuklären. Ich habe ihm erklärt, dass er sich nicht bei mir rechtfertigen müsse, weil ich nicht dafür verantwortlich war, dass er disqualifiziert wurde. Ich hatte ja eigentlich schon damit abgeschlossen.

Man sollte aber vielleicht überlegen ob nicht eine neue Startgruppe sinnvoll wäre, in der Ex-Profis gegeneinander starten können. Ich bin mir sicher, dass einige Ex-Profis gerne ein Comeback starten würden, aber aus moralischen Gründen nicht als Age-Grouper an den Start gehen wollen. Gleichzeitig wären aktive Ex-Profis gut aufgehoben und nähmen den Amateuren keine Plätze mehr weg. Das würde ich mir im Sinne der sportlichen Fairness wünschen.

Was sind Deine Ziele für 2020?

Ziele sind für mich das A und O, wenn es um die benötigte Motivation geht und darum, das Training im Voraus konsequent durchzuziehen. Die Challenge Roth war auf jeden Fall noch auf meiner Bucketlist. Aber irgendwie war mir das noch zu wenig. Nachdem ich in den letzten zwei Jahren super Partner in der Region gefunden habe, die mich unterstützen und als Lehrer vielleicht auch mehr Zeit als ein anderer Age-Grouper habe, dachte ich mir, wenn nicht jetzt, wann dann. Diese schon fast professionellen Umstände, der zusätzliche Schub an Motivation und die Möglichkeit beim schon geschlossen Rennen in Wales und Roth doch noch an den Start zu gehen, waren für mich die entscheidenden Gründe, eine Profi Lizenz zu lösen.

Neben diesem sportlichen Ziel will ich gleichzeitig langfristig ein Jugendkonzept in meinem Verein Böhnlein Sports erstellen, um die Nachwuchsförderung im Triathlonbereich zu unterstützen. Eine Jugendmannschaft in unserem Verein zu etablieren und als Trainer zu betreuen ist ein Traum für die Zeit nach der Triathlonkarriere.

Vielen Dank für das Interview! Der BTV ist stolz auf die erfolgreichen Altersklassensportler im Verbandsgebiet.

© Text: Christine Waitz; [29.12.2019]; Fotos: Finisher Pix; privat

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